Kirchenzeitung der Diözese Linz, 19.8.1999
PETER ZECHMEISTER

Schneller und stinken nicht.
Der Fahrradbote Velo hat nach dem Start im B7 ganz Linz erstrampelt





Sie sind die Desperados am Asphalt. Drahtig. Kein Gramm Fett zuviel. In der Innenstadt sind sie die Schnellsten. - Was steckt eigentlich hinter dem Klischee der Fahrradboten? Die Kirchenzeitung hat sich an die Pedale eines Linzer Drahtesel-lkarus gehängt.
Klack, klack. Die Kette springt zwei Zahnkränze nach unten. Jetzt mit mehr Druck in die Pedale. Zügig auf Tempo 30 beschleunigt. Dabei bleibt es. Guten Tag erwischt. Wegen der Sonnenfinsternis arbeiten einige Firmen heute Nachmittag weniger. Das heißt: Nicht so viele Aufträge und ein gemütlicheres Tempo. Der Kirchenzeitungs-Redakteur kann folgen.

Roland Hihn fährt vorne. Knallbunter Helm, gelbe Radfahrerdress, roter Velo-Rucksack. Im Straßenverkehr ist er nicht zu übersehen. Der 29-Jährige ist ein Mann der ersten Stunde. Er strampelte schon bei der Bischöflichen Arbeitslosenstiftung B7 als Fahrradbote. Bei der Gründung von Velo als eigenständigem Betrieb vor sieben Jahren war er mit von der Partie.

An starken Tagen sind es 35 Fahrten. "Da kommst du auf 150 bis 160 Kilometer", erzählt ein Kollege später beim Treffpunkt im Schillerpark. Wer regelmäßig fahre, erreiche seine 15.000 Kilometer im Jahr, sagt er.

Die Nase über den Abgasen. Ob das nicht eine Belastung für die Lungen ist? Als Radfahrer hängst du ja quasi am Auspufftopf der Autos. Anschließend Joggen gehen würde helfen. "Da reißt es dir alles wieder raus,', erklärt Hihn. Außerdem besage eine Studie, dass sich das aggressive Kohlenmonoxid am Boden bis in einen Meter Höhe ansammle. "Als Radfahrer hast du die Nase drüber. Das meiste bekommen die Autofahrer selber ab", sagt der Berufs-Biker. Es klingt nach Zweckoptimismus.

Kreisverkehr Blumau. Von allen Seiten kommen die Autos. "Mit den Autofahrern musst du Blickkontakt haben", hat es geheißen. "Nur ja nicht auf die Blinker alleine vertrauen." Trotzdem ist noch nicht viel passiert. Ein Fahrer hatte einmal sechs Wochen Gips, das war das Schlimmste bis jetzt. Selbstbewusst bahnt sich der Vordermann seinen Weg durchs Gewühl. Ihm zu folgen ist nicht leicht. Jetzt geht es in die Unterführung runter, danach ein kurzes Stück bergauf. Unsportliche fangen hier zu keuchen an, doch der Velo-Fahrer ist trainiert. In Linz nimmt er jeden Berg. Sein Mountainbike ist abgespeckt: die Reifen fast ohne Profil. Hornlenker, teure Gangschaltung. Wichtig sind die Bremsen. Dafür fehlen die Kotflügel. Beleuchtung? Er fährt ohnehin nur am Tag.

Fahrzeug und Karosserie - gemeint ist die Kleidung - gehen auf eigene Kosten. 60 Prozent vom Erlös jeder Fahrt gehören dem Boten. "Wer oft fährt, kann im Schnitt auf rund 15.000 Schilling im Monat kommen", sagt Hihn. Einige fahren bei Velo hauptberuflich, so wie er. Manche, um sich fit zu halten. In den Ferien strampeln auch öfters Studenten um ein paar Tausender.

Hihn greift an den Trageriemen seines Rucksacks. Er zückt das Handy. Die Ampel wechselt auf Grün. Links schalten, rechts telefonieren, den Lenker geradehalten, in die Pedale steigen und losfahren. Alle Achtung! Für Radfahrer gilt die Pflicht für Freisprechanlagen nicht. Eine, die den harten Anforderungen standhalten würde, ist außerdem noch nicht erfunden. Im Straßenlärm geht es beinahe unter.

Alle paar Minuten piepst das Telefon. "Verstanden. Danke." Ein paar Tasten gedrückt. "Chris? Steurer hat was für dich, du bist in der Gegend. OK.' Heute ist Hihn Disponent. Er hat das EinserHandy. Alle Kundenanrufe landen bei ihm. Er muss immer wissen, wo seine Kollegen unterwegs sind. Per Telefon leitet er die Aufträge weiter. Zur Beinarbeit kommt die Kopfarbeit. Eine Telefonzentrale käme zu teuer.

Im Eingangsbereich einerWerbeagentur lehnt Hihn seinen Drahtesel an die Wand. Er sperrt ihn nicht ab. Für drei Minuten verschwindet er in einem Büro. Wieder zurück, schwingt er sich in den Sattel und tritt los. Im Rucksack liegt ein neuer Auftrag.

Lieferzeit unter einer Stunde. Kunden haben die Garantie, dass ihre Sendung innerhalb einer Stunde am Ziel ist. Am Weg liegen oft mehrere Stationen. "Es ist nicht so wichtig, wie schnell du fährst", erklärt der Athlet, "du musst nur schauen, dass es bei den Kunden schnell geht und sie dich nicht warten lassen."
Die Strecke ist wieder die selbe, nur in die entgegengesetzte Richtung. Das Wetter spielt heute mit. Leicht bewölkt, trocken und nicht zu warm. Obwohl, schlechtes Wetter gibt es eigentlich nicht: "Es gibt nur unpassende Kleidung", meint der Bote. Tatsächlich sind die Velo-Fahrer auch im Winter, bei Sturm und bei Glatteis unterwegs. "Da sind wir die Einzigen, die noch liefern", heißt es mit Stolz. "Ein Kollege hat sich sogar Schneeketten fürs Fahrrad gekauft."

Nächste Station. Der Transport geht zu einer Firma am Schillerplatz. Im Lift trägt Hihn die Tour ins Fahrtenbuch ein. Jede sonst leere Minute wird genutzt. Dann ist Pause. Das Handy schweigt für einige Zeit. Kein Problem. Im Park unten treffen sich immer einige der Fahrradboten. Hier tauschen sie die neuesten Geschichten aus.

Beim Computer hört Ökologie auf

"Anderthalb Jahre bin ich beim B7 selber geradelt. Das war die sportlichste Zeit meines Lebens." Eugen Illenberger ist Chef von "Veloteam", unter diesem Namen wird der Fahrradbote Velo ab herbst auftreten. Der 44-jährige bildet einen Kontrast zu seinen topfitten Fahrern. Das Fahrrad des starken Rauchers muss ein paar Kilo mehr aushalten.

Vor sieben Jahren gliederte die Bischöfliche Arbeitslosenstiftung das Projekt Velo aus. Um 30.000 Schilling übernahm es der damalige Fahrer Illenberger und gründete eine eigenständige Firma. Heute kümmert er sich ums Büro.

An durchschnittlichen Tagen sind vier Boten für aktuelle Aufträge unterwegs. Dazukommen noch drei für fixe Touren und zusätzlich zwei Autofahrer. Das Radl ist in der Innenstadt zwar schneller, hat keine Parkplatzprobleme und belastet die Umwelt nicht. Doch bei großen Teilen wie einer Computeranlage muss der beste Radfahrer passen. Damit die Kundschaft nicht auf die Konkurrenz ausweicht, würde Velo eben jetzt auch mit Autos fahren, so Illenberger.

Über seine Fahrer sagt Illenberger."Die meisten sind ganz normale Radfahrer, aber natürlich haben wir auch ein paar Draufgänger dabei. Die schaffen in der Humboldtstraße die grüne Welle. Dazu musst du 53 fahren."