OÖN vom 23.1.1997
ULRIKE ZÖCHBAUER

Wie man eine Sucht zum Job macht





"Für mich ist die Arbeit als Radfahrbote ganz einfach ein Traumjob," schwärmt Wolfgang Götzendorfer. Der 21jährige Linzer vergleicht seinen ungewöhnlichen Nebenberuf mit einer Sucht: "Ich brauche das einfach, jeden Dienstag schwing ich mich auf mein Rad und los geht's.'' 100 bis 150 Kilometer Radfahren am Tag sind keine Besonderheit für den Sportbegeisterten. Götzendorfers persönliche Höchstleistung als Fahrradbote waren 185 Kilometer an einem Arbeitstag von 8 bis 18 Uhr. "Wenn man nicht durchtrainiert ist, schafft man das sicher nicht', so der junge Linzer. Obwohl Götzendorfer auch in seiner Freizeit intensiv Sport betreibt (Mountainbiken, Klettern ... ), ist er jeden Dienstag abend geschafft. "Da leg' ich mich nur noch ins Bad und anschließend ins Bett."

Willkommener Ausgleich zu seinen sportlichen Ambitionen in der Freizeit und im Nebenjob ist wohl der Hauptberuf Götzendorfers. Er arbeitet in einem Aquaristikgeschäft. "Ich mag Fische ganz einfach und außerdem gefällt es mir Kunden zu beraten", so Götzendorfer.

Aber damit ist der Alltag des jungen Sportlers noch nicht vollständig beschrieben. Die Energie des Linzers scheint grenzenlos zu sein. Denn zusätzlich zu seinen beiden Jobs drückt Götzendorfer auch noch allabendlich die Schulbank. So ganz nebenbei will er die Matura nachholen.

Doch eines ist für Götzendorfer klar: Der Nebenjob als Fahrradbote ist für ihn unverzichtbar. "Geld ist sicher nicht der Grund, warum ich das mache. Mit etwa 1000 Schilling, die man pro Tag verdient, wird man nicht gerade .reich", gesteht der 21jährige. Ich mache es einfach deshalb, weil es für mich Freizeitvergnügen und Job zugleich ist." Nicht nur das Radfahren sieht Götzendorfer als Herausforderung, sondern auch den Kundenkontakt, die Gefahr im Straßenverkehr. Selbst den Kampf mit der Zeit, den Einbahnen und den Ampeln sieht er als angenehmen Nervenkitzel. "Trainierte Beine zu haben, reicht für diesen Job nicht", sagt Götzendorfer. Wichtig ist auch eine diplomatische Ader für einen Fahrradboten. "Zum Beispiel muß man Autofahrer beruhigen, die einen anschreien, weil man schnittig unterwegs ist. Außerdem muß man Kunden schonend beibringen, warum man die Post verspätet abliefert. "Schließlich brauche man auch ein geschultes Auge", fügt Götzendorfer mit Augenzwinkern hinzu. "Wenn man in eine Einbahn fährt, sollten keine weißen Kapperl in der Gegend sichtbar sein, denn dann drohen Schwierigkeiten mit der Polizei".

Aber Götzendorfer hat auch Erlebnisse der angenehmen Art. So wird er bei seinen Botenfahrten zum Beispiel regelmäßig mit Bewunderung überhäuft. Fast jeden Dienstag, wenn er mit seinem Mountainbike durch die Stadt kurvt, reden ihn junge Burschen und Mädchen auf seinen ungewöhnlichen Job an.